Auswandern kann viele Gesichter haben und Gründe dafür, die Heimat zu verlassen, gibt es viele. Manches Mal sind es weniger Neugier und Abenteuerlust, sondern berufliche Anforderungen, die einen in andere Länder führt. Wie bei Brigitte Courtel Lüders, die im diplomatischen Dienst zahlreiche Länder jenseits von roten Teppichen und glamourösen Empfängen erlebt hat. Ihr Roman „Hinter dem Glanz“ basiert auf wahren Begebenheiten. Sie hat für uns einen Gastartikel zu ihren Erfahrungen verfasst.
Ich bin Französin und habe mehr als drei Jahrzehnte lang mit meinem Mann und unseren vier Kindern an Auslandsposten in Afrika, dem Nahen Osten und Asien gelebt. Später haben wir noch zwei Kinder in Taiwan adoptiert. Zwischendurch waren wir auch einmal für drei Jahre in Deutschland – aber insgesamt ist daraus ein echtes Auswandererleben geworden.
Wenn Freunde in Deutschland oder Frankreich mich heute nach diesem Leben fragen, denken sie meist an Empfänge, Exotik, tolle Reisen. Die Wirklichkeit sah aber meistens ganz anders aus. Das Leben im Ausland ist faszinierend, ganz anders, voller neuer Erfahrungen – ich würde es sofort wieder so machen. ABER: Dieses Leben ist kein Dauerurlaub. Es gibt eine Million kleiner, konkreter, praktischer Probleme im Alltag. Oft wurde daraus eine echte Belastungsprobe für die ganze Familie.
Wenn die einfachsten Dinge des Alltags Kraft kosten
Die größten Schwierigkeiten im Ausland liegen gar nicht in den großen politischen Krisen oder Naturkatastrophen, sondern in den täglichen, kleinen Frustrationen. Vieles, was in Europa völlig selbstverständlich ist, erfordert plötzlich einen enormen Organisationsaufwand.
In Brazzaville im Kongo war zum Beispiel die Wasserversorgung extrem unzuverlässig. Tagsüber kam oft kein einziger Tropfen aus der Leitung, weil der Wasserdruck in der Stadt zu niedrig war. Also mussten wir uns anpassen: Ich bin regelmäßig mitten in der Nacht aufgestanden, um die Badewanne und alle verfügbaren Eimer volllaufen zu lassen, damit wir am nächsten Tag wenigstens etwas Wasser hatten.
Dazu kamen die ständigen Stromausfälle – vor allem in Indien ein großes Problem. Einmal war der Strom tagelang weg. Wenn die Klimaanlage ausfällt und die Lebensmittel im Kühlschrank verderben, kann man schon nervös werden. Der Alltag läuft ja weiter: Jeden Tag muss es Essen geben, jeden Tag müssen die Kinder zur Schule gebracht und die Hausaufgaben kontrolliert werden.
Durch starke Spannungsschwankungen gingen uns immer wieder Elektrogeräte kaputt, obwohl wir Schutzschalter hatten. Sie mussten repariert oder neu gekauft werden – und das kostet Zeit, wenn man erst die Läden und die Handwerker suchen muss. Auch die Bürokratie vor Ort war in allen Ländern ein Dauerthema: Entzollung von Umzugsgütern, Visaangelegenheiten, Auto-Zulassung, Führerschein oder andere Behördengänge. Und überall lief es anders, wenn man Strom-, Müll- oder Wasserrechnungen zahlen musste.

Der Anfang: Wenn die Zukunft an einem Telefonanruf hängt
Wer die Auswanderung lange im Voraus planen kann, ist in einer guten Lage: Sprache lernen, Infos über das neue Land zusammenstellen, Leute treffen, die schon da waren. Das hilft – aber für uns kam die neue Versetzung oft ganz plötzlich.
Monatelang lebt man mit dem Wissen, bald versetzt zu werden, bevor der eigentliche Anruf kommt. Ich erinnere mich genau an den Moment, an dem die Nachricht über unsere Versetzung nach Damaskus eintraf – wir lebten in den USA und waren mitten in den Vorbereitungen für ein amerikanisches Thanksgiving-Essen. Solche Momente zeigen, wie wenig Kontrolle man manchmal über den eigenen Lebensrhythmus hat.
In meinem Fall kam noch eine Schwangerschaft dazu. Aus medizinischen Gründen musste ich monatelang von meinem Mann getrennt sein, der allein vorausreiste. In dieser Zeit konnte er eine Wohnung suchen, während ich mit unseren drei kleinen Kindern in den USA blieb und auf Briefe wartete. Ich erfuhr stückweise, wie schwierig die Wohnungssuche vor Ort war, wie wenige helle, freundliche Häuser es gab und wie ungewohnt selbst der Geldwechsel an der Grenze ablief. Ich hatte keine Vorstellung, in welches Leben ich meine Kinder bald mitnehmen würde.
Wenn das Schulgebäude noch Baustelle ist
Die Schulfrage war immer die größte Unbekannte – und in Damaskus stellte sie mich vor eine echte Prüfung. Uns blieb nur eine französische Schule, für die ich mit zwei meiner Töchter schon Monate vorher zu Hause Französisch übte, damit sie überhaupt mitkommen konnten.
Vor Ort angekommen, war das Schulgebäude noch Baustelle – die Wände waren buchstäblich erst einen Tag vor Schulbeginn gestrichen worden. Die Klassen waren überfüllt, teils mussten sich zwei Klassen einen Raum teilen, und Arabischunterricht war Pflicht. Verständlich, dass den Kindern neben all den neuen Dingen jegliche Motivation fehlte. Wie sollte ich sie für das neue Umfeld begeistern?
Alltag ohne Grundversorgung
Was mich im Rückblick am meisten geprägt hat, waren die täglichen Mühen mit fehlender Infrastruktur. In Brazzaville kämpften wir regelmäßig mit Stromausfällen, Wassermangel und defekten Klimaanlagen.
In New Delhi erlebten wir einen Winter, in dem es in unserem Haus nur vierzehn Grad hatte. Die Kinder schliefen mit Wärmflaschen und mehreren Decken, weil die kleinen Heizgeräte in den viel zu großen Räumen wirkungslos blieben. Bei Stromausfall hatten wir kein fließendes Wasser, weil dieses aus einem Brunnen gepumpt werden musste – ohne Strom war das unmöglich. Wir aßen an solchen Abenden bei Kerzenschein. Die Kinder empfanden das manchmal als Abenteuer, für mich war es nach mehreren Tagen belastend.
In Karachi wiederum war Wasser das größte Problem: In vielen Häusern musste es per Tankwagen geliefert werden, und man zahlte Trinkgeld, damit die Reservoirs regelmäßig gefüllt wurden. Bei Temperaturen, die nachts kaum unter 28 Grad fielen, und einer Luftfeuchtigkeit von nur 13 Prozent gehörte auch das zum ganz normalen Alltag mit kleinen Kindern.
Wenn mehrere Belastungen gleichzeitig zusammenkommen
Woran man oft nicht denkt, ist das Ausmaß an Reibung im ganz normalen Familienalltag, wenn mehrere Belastungen gleichzeitig zusammenkommen. In Damaskus etwa funktionierte die Heizung im Winter mehrfach nicht – es schneite trotz Wüstenklima. Wasserleitungen waren undicht, und der Wochenrhythmus der Schule – frei am Freitag und Sonntag, aber nicht am Samstag – bedeutete, dass es für unsere ganze Familie so gut wie nie ein gemeinsames, vollständiges Wochenende gab.
Eltern mit mehreren kleinen Kindern sind ohnehin in jedem Land stark gefordert. Wenn dann noch Probleme mit den Familienangehörigen dazukommen, die zu Hause geblieben sind, wird es schwierig.

Kleine Kontinuitäten im neuen Leben
Die Faszination, in einer völlig anderen Umwelt, einer völlig anderen Kultur zu leben, habe ich nie verloren. Die Neugier ist immer das Wichtigste und hilft bei jeder neuen Anpassung. Und es gab eine gewisse Konstanz – zum Beispiel durch die Musik, da meine Töchter überall gute Lehrer für Klavier, Geige und Bratsche fanden. Auch ich selbst hielt an diesem Unterricht fest.
Ein weiteres, sehr schönes Ritual: An jedem Posten organisierten wir ein Nikolausfest oder eine Christmas Party – unabhängig davon, ob es vor Ort überhaupt eine deutsche Gemeinschaft gab. Solche wiederkehrenden Fixpunkte gaben der ganzen Familie über alle Länder hinweg ein Gefühl von Kontinuität. Und von jedem Land aus unternahmen wir am Ende viele Reisen. Sie waren oft ein guter Ausgleich für alle Belastungen.
Was von diesen Jahren bleibt
Rückblickend war es genau diese Mischung: ganz praktische Alltagsprobleme wie fehlendes Wasser oder Strom oder überfüllte Schulen auf der einen Seite, das Interesse an der neuen Umgebung mit vielen bereichernden Elementen auf der anderen. Diese Mischung hat mein Leben, unser Familienleben geprägt – und mit ihr haben wir es geschafft, unglaublich viele Probleme zu bewältigen, auch solche familiärer Art.
Genau diese Erfahrungen bilden den Kern meines Buchs Hinter dem Glanz – einer fiktionalisierten Autobiografie über drei Jahrzehnte Familienleben zwischen Diplomatie, Umzügen und der Frage, was ein Zuhause eigentlich ausmacht, wenn man es sich immer wieder neu aufbauen muss. Viele der geschilderten Erfahrungen mit Umzügen, Schulwechseln und Familienleben unter Druck beruhen auf tatsächlichen Ereignissen.
Die ungleiche Rollenverteilung und die andere Realität
Der Roman erzählt auch davon, dass die Realität für die „mitausreisende Ehefrau“ oft anders aussieht: Sie wird in der Expat-Blase schnell nur noch als „die Ehefrau von“ wahrgenommen. Er erzählt außerdem von der Konfrontation mit den Lebensumständen der Menschen vor Ort. In den Ländern des Globalen Südens wird man mit einer Armut, mit Krankheiten und Ansichten konfrontiert, die das eigene Weltbild massiv hinterfragen. In vielen Ländern ist der gesellschaftliche und traditionelle Druck riesig und entspricht nicht unseren Wertvorstellungen. Besonders schwer zu ertragen war es zu sehen, wie wenig ein Menschenleben in manchen von Armut geprägten Regionen wert zu sein scheint – Kinder starben an Krankheiten, die man mit billigen Medikamenten hätte heilen können.
Ein Fazit nach vielen Jahren
Trotz aller Schwierigkeiten war das Leben im Ausland kein Fehler. Ich habe eine starke Resilienz gegenüber Schwierigkeiten, Offenheit gegenüber anderen Kulturen und positives Denken entwickelt – Dinge, die ich wohl nirgendwo anders gelernt hätte. Daraus ist letztlich mein Roman Hinter dem Glanz – Am Ende der Welt zwischen Diplomatie und Familiendramen entstanden. Auf Französisch ist er unter dem Titel Façade dorée erschienen, ebenfalls bei Amazon.
In dem Buch erzähle ich die Geschichte einer Frau namens Jocelyne – aber die Erlebnisse, die bürokratischen Hürden und die familiären Belastungen spiegeln mein eigenes Leben wider. Es war mir wichtig, diesen Alltag ungeschönt zu zeigen – auch um anderen Familien, die in einer ähnlichen Situation stecken und mit der Isolation kämpfen, das Gefühl zu geben, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Von schwierigen oder sogar belastenden Situationen bei anderen zu hören, kann immer auch Trost und Hoffnung für die eigene Situation geben.
Folgen Sie mir auf eine bewegte Reise durch vier Jahrzehnte und in viele Länder.

Über die Autorin
Brigitte Courtel-Lüders lebte mehr als drei Jahrzehnte mit ihrer Familie an Auslandsposten in Afrika, dem Nahen Osten und Asien. Ihre Erfahrungen als Diplomatenehefrau und Mutter von sechs Kindern verarbeitet sie in ihrem neuen Roman Hinter dem Glanz – Am Ende der Welt zwischen Diplomatie und Familiendramen, erschienen bei Amazon (auf Französisch: Façade dorée).